Klassische Reitweise oder die Suche nach Balance
Die Klassische Reitweise ist eine sinnvolle, gesund erhaltende Gymnastizierung des Pferdes, basierend auf den Lehren der Reitmeister vergangener Zeiten. Leider ist dieses wertvolle, alte Wissen vielerorts in Vergessenheit geraten.
Mit Hilfe der Schulgangarten (kein übereiltes Tempo) und der Seitengänge unterstützen wir das Pferd dabei, beide Körperseiten gleichmässig flexibel zu machen, zu kräftigen und das Gleichgewicht mit dem Reiter zu finden. Dabei zwingen wir das Pferd niemals in eine bestimmte Haltung, es wird vollständig auf den Einsatz sogenannter "Hilfszügel" verzichtet. Das Pferd darf seinen Hals als natürliche Balancierstange nutzen.
Die von vielen Reitern so begehrte "schöne" Kopf-Halshaltung entsteht erst mit fortschreitender Ausbildung: durch die vermehrte Lastaufnahme der Hinterhand (Hankenbeugung) richten sich Widerrist und Vorhand auf und die Rundung des Halses ergibt sich ganz natürlich. Das Pferd wird von hinten nach vorne gearbeitet, nicht umgekehrt.
Diese klassische Arbeit bearbeitet die natürliche Schiefe des Pferdes, fördert die Versammlungsfähigkeit und damit die vertikalen Kräfte, um das Pferd bis ins hohe Alter möglichst fit und gesund zu erhalten.
Wer sich auf diesen Weg begibt, wird schnell erkennen, dass es vor allem Arbeit an sich selbst bedeutet.
Die Theorie ist selbstverständlich wichtig und bildet unser "Handwerkszeug", um Zweck und Umsetzung der Hilfen zu verstehen und zu erlernen.
Doch ebenso entscheidend ist die Entwicklung des eigenen Körpergefühls sowie das Gespür für das Pferd. Nur so können wir es in jeder Situation optimal unterstützen und möglichst wenig stören, denn erst dadurch wird gemeinsame Balance überhaupt möglich.
Diese ruhige und konzentrierte Arbeit schult zudem das mentale Bewusstsein: die Gedanken hören auf zu kreisen, man wird ruhiger, achtsamer und es gelingt immer besser, während der Reiteinheit "im Moment" zu sein und sich mit dem Pferd verbunden zu fühlen.
Durch diese Arbeit entstehen stolze und wache Pferde, die sich ihrem Menschen gerne anschliessen, ihm vertrauen und motiviert mitarbeiten.
Wer einmal erlebt hat, wie es sich anfühlt, mit seinem Pferd zu einer echten Einheit zu verschmelzen und "in Leichtigkeit" zu reiten, wird immer wieder nach diesen wunderbaren Momenten streben.
Diese Art des Reitens kann jeder interessierte Reiter mit seinem Pferd erlernen, unabhängig von Vorkenntnissen, bisheriger Reitweise, Alter oder Rasse. Die einzigen Voraussetzungen sind ein offenes Herz und ein offener Geist. Dabei geht es niemals um Wettbewerb oder "Schablonendenken", sondern immer um die individuelle Entwicklung von Reiter und Pferd.
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